Küstendämon - Kriminalroman

von: Heike Meckelmann

Gmeiner-Verlag, 2018

ISBN: 9783839256428 , 441 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 9,99 EUR

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Küstendämon - Kriminalroman


 

Prolog


 

Ich bin das Produkt meiner Mutter, und der Dämon tobt in mir.

Leises Schluchzen entkam ihrer Kehle. Sie schnalzte mit der Zunge und schaute hungrig in die Richtung, in der sich der Tisch befinden musste. Sie roch das Vanillearoma des Haferbreis, der selbst den moderigen Geruch ihres Gefängnisses übertünchte, und reckte gierig die Nase in die Höhe. Der Magen rumorte, als sie den Speichel, der sich in ihrem Mund sammelte, ihre Speiseröhre hinunterlaufen ließ. Der Geruch vernebelte ihre Sinne. Der Steißknochen schmerzte, und sie rutschte auf dem verdreckten Boden und dem stinkenden Stroh umher. Die mangelnde Polsterung auf ihrem Po bot nicht genügend Schutz und die Haut schürfte an den nackten Stellen immer mehr auf. Das dünne Höschen hing, nur noch vom Bundgummi gehalten, an ihrem mageren Körper. Mit der freien Hand schuf sie einen Puffer, indem sie die unter ihre Pobacke schob. Sie streckte die Zehenspitzen ihres rechten Fußes aus und versuchte verzweifelt, in die Nähe des Tisches zu gelangen. Es war aussichtslos. Das Möbelstück stand mindestens zwei Meter entfernt. Zwei Meter, die unerreichbar zwischen ihr und dem heiß ersehnten Essen lagen. Niemals komme ich da ran, dachte sie und ließ entmutigt das Bein sinken. Sie wollte ihren Schutzengel um Hilfe bitten, als sie mit Erschrecken feststellte, dass ihr Armband verschwunden war. Das Geschenk ihrer Eltern zu ihrer Konfirmation. Sie hatte es nie mehr abgenommen seitdem, und nun war es nicht mehr vorhanden. Es erschien ihr wie ein Zeichen, ein böses Omen.

Auf einmal bemerkte sie, dass sich etwas im Dunkeln bewegte. Regungslos horchte sie. Sie wusste, auch ohne, dass sie es sah, dass der Nager sich an ihrem Brei zu schaffen machte.

»Na, hast du endlich, was du wolltest, widerliches Biest? Wenigstens lässt du mich jetzt in Ruhe«, keuchte sie, wohl wissend, dass die einzige Nahrungsquelle, die ihr Leben retten sollte, gerade versiegte. Sie stierte resigniert in das schwarze Nichts, aus dem leises Schmatzen zu ihr drang.

*

Das Licht stahl sich schleichend davon. Es versteckte die letzten hellen Fetzen des Tages hinter dunklen Wolken und knorrigen Bäumen. Es gab dem Bodennebel Raum, der feindselig, geisterhaft und übermächtig zwischen den Stämmen hindurchkroch. Wie ein undurchsichtiges Netz legte er sich auf den vermoosten Boden und ließ seine dürren Finger um Bäume und Sträucher wandern. Mara spürte die Kälte, die ihre Beine hochkroch. Die Füße verschwanden bis zu den Knöcheln unter den Schwaden. Der Forst lag um die Zeit einsam da. Niemand würde bei der Arbeit stören. An diesem düsteren Spätnachmittag erschien die Welt für sie in Ordnung. Mara liebte die unheimlichen Orte ihrer Insel. Es gefiel ihr, wenn ein eiskalter Schauer nach dem anderen ihren Rücken hinunterlief. Nur die weit entfernten Schreie einiger Möwen unterbrachen die Stille, die sie daran erinnerte, dass sie sich im Frühlingsmonat April auf der Sonneninsel schlechthin aufhielt. Brechendes Holz knackte unter den Sohlen ihrer Stiefel. Direkt vor ihr flanierte ein paradiesisch aussehender Fasan und streckte die fast 50 Zentimeter langen Schwanzfedern gekonnt in die Luft, um sie wie einen Fächer direkt vor ihr auszubreiten.

Er schien Mara zwar wahrgenommen zu haben, reckte aber ungestört den Schnabel der verhangenen dunklen Wolkendecke entgegen. Seine staksigen Füße tauchten ebenfalls bei jedem filigranen Schritt in die Nebelschwaden ein. Was für eine Erscheinung. Mara lächelte. Sie verharrte an ihrem Platz und lenkte das Kameraobjektiv im Zeitlupentempo in die Richtung des farbenprächtigen Vogels, um ihn nicht zu verschrecken.

Er wirkte zwischen den betagten Bäumen und dem unheimlichen Dunst wie die Fabelfigur eines Mysterythrillers. Sie drückte auf den Auslöser und lauerte, ob das Tier das fremdartige Geräusch registrierte. Mara sah bereits das fertige Bild vor ihrem geistigen Auge. Der Wald in Grautöne getaucht, darin der faszinierende Hahn. Ihr Herz schlug unanständig schnell. Eine Weile betrachtete sie den Fasan, lauschte dem Rauschen der Blätter, dem Knarzen der Äste, die aneinanderrieben. Gierig atmete sie die kühle Seeluft ein und hörte dem geisterhaften Wald zu. Alles erschien surreal. Mara verharrte einen Augenblick in dieser unwirklichen Welt, legte ihre Kamera in den geöffneten Rucksack und betrachtete die Eiche, die ihren knorrigen Stamm emporreckte, der mindestens 100 Jahre auf dem Buckel haben musste. Sie zog den Reißverschluss ihres olivfarbenen Parkas zu und rückte die schwarze Wollmütze über die rötlichen Locken. Entspannt breitete sie die Arme aus und umarmte den uralten Baum. Sie lehnte den Kopf dagegen und spürte die Wärme, die er ausstrahlte. Zufriedenheit erfüllte sie, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Es knackte plötzlich im Unterholz.

Der Fasan war lautlos verschwunden, als sie die Augen verwirrt wieder aufschlug. Das Geräusch drang erneut aus Richtung Steilküste zu ihr herüber. Reflexartig hockte sie sich hin, griff nach ihrem Rucksack und hielt Sekunden später die Kamera in den Händen. Sie betätigte den Zoom des Objektives, näherte sich unauffällig der Stelle, von der das Knacken herrührte. Ein Reh? Vorsichtig schob sie ihren Körper an der Rinde einer Eiche empor und versteckte sich hinter deren dickem Stamm. Hoffentlich sah man sie nicht. Bewegungslos inspizierte sie mit dem Sucher der Nikon das Waldstück. Der Nebel erreichte die unteren Äste und waberte bedrohlich zwischen den Bäumen hindurch. Dann entdeckte sie das Objekt der Begierde. Das ist ein Mensch. Eine Frau! Was macht um diese Uhrzeit jemand im Wald? Maras Herz fing an zu rasen, und sie versuchte, die Person mit dem Objektiv einzufangen. Sie drückte ohne Unterbrechung auf den Auslöser. Wo ist sie? Sie starrte gebannt in die Richtung, in der sie die Person entdeckte, und lauerte auf eine Bewegung. Was passiert da? Seltsam. Ihr Pulsschlag raste unkontrolliert. Sie hörte das Pumpen des Herzschlages in der Schädeldecke. Es war ein aufregendes Gefühl, heimlich eine Fremde zu beobachten. Der Wald übte auf einmal eine ungeheure Faszination auf sie aus, und sie wartete auf ihre Gelegenheit. Unerwartet sah sie auf Augenhöhe einen roten Gegenstand hinter dem Baum vorragen, der ihr einen Schrecken einjagte. Wie gebannt hielt sie die Kamera drauf und löste unbeirrt aus. Hat die sich versteckt? Was macht die um diese Zeit? Nervös zuckte der Finger auf dem Auslöser. Der richtige Moment, was zählt, ist nur der richtige Moment, dachte sie, und ihre Hände schwitzten trotz zunehmender Kälte.

Die Person ließ sich bei dem, was sie beschäftigte, nicht im Geringsten stören. Hoffentlich bemerkt die mich nicht, brütete Mara und machte sich klein. Das Licht verschwand gänzlich hinter den Bäumen, und Mara veränderte die Kameraeinstellungen. Sie wagte kaum zu atmen. Sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als so lange in ihrem Versteck zu verharren, bis das Schauspiel ein Ende hatte. Unerwartet spürte sie Blicke in ihre Richtung starren. Mara fühlte sich ertappt, hielt eine Hand vor den Mund und verbarg ihren Körper augenblicklich im Schatten der Eiche. Sie presste die Lippen zusammen und blieb regungslos stehen. Hoffentlich hat die mich nicht entdeckt. Es knackte erneut im Unterholz. Die kommt hierher.

Die Fotografin bekam es mit der Angst zu tun. Ich könnte mich als Spaziergängerin zu erkennen geben und mit der Frau ein belangloses Gespräch anfangen. Aber der Blick, den die Rothaarige aussendet, verheißt nichts Gutes. Eilig ging die Fotografin in die Hocke, riss den Rucksack zu sich und verstaute blitzschnell die Kamera.

Sie richtete sich auf, als sie hörte, dass die Schritte näherkamen. Ohne zurückzuschauen, rannte sie fluchtartig weiter. Das Ende des Forstes war nicht in Sicht. Hinter ihr knackten Äste. Es bedeutete, dass die Verfolgerin ihr dicht auf den Fersen zu sein schien. Maras Puls puckerte so laut in der Halsschlagader, dass sie die Hand auflegte, um ihn zu beruhigen. Ohne sich umzudrehen, jagte sie durch das dunkle Gehölz. Plötzlich stolperte sie über einen abgebrochenen Ast. Sie schlug der Länge nach hin. Der Rucksack lag bleischwer auf ihrem Rücken. Wie von Sinnen rappelte sie sich auf und strauchelte durch das Unterholz. Sie hörte das schwere Atmen der Frau unmittelbar hinter sich. Mara japste, hielt sich die schmerzende Seite und hechtete weiter durch das Unterholz. Die Verfolgerin konnte ihr anscheinend nicht so schnell folgen, wie sie wollte. Dann war der Wald endlich zu Ende. Angespannt hetzte sie, so schnell sie in der Lage war, den Privatweg entlang bis zum Parkplatz. Ohne sich ein einziges Mal umzudrehen, riss sie den Wagenschlüssel aus der Tasche und öffnete mit zitternden Fingern die Wagentür. Hektisch zerrte sie den Rucksack vom Rücken und warf ihn auf den Rücksitz.

Mit einem beklemmenden Gefühl in der Magengegend startete sie und drückte das Gaspedal durch. Panisch verließ sie den Parkplatz. Was, wenn die mich verfolgt? Warum bin ich bloß abgehauen? Vielleicht hätte ich mich einfach mit ihr unterhalten sollen. Was für ein Blödsinn. Das war mit Sicherheit eine ganz normale Frau, die im Wald spazieren ging, dachte sie und rauschte die Landstraße Richtung Burg. Aber in Wahrheit war es ihr recht, nicht mit ihr zusammengetroffen zu sein.

Ich wollte längst auf dem Weg nach Lübeck sein. Das war schließlich nur ein Kurztrip auf die Insel, um ein paar Fotos zu...