Irische Nacht - Kriminalroman

von: Hannah O'Brien

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2017

ISBN: 9783423431880 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 7,99 EUR

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Irische Nacht - Kriminalroman


 

2


Es sah fast so aus, als gehörte ihr Arm nicht zu ihrem Körper. Die Hand an seinem Ende zuckte und fuhr mit ihren zarten Fingerkuppen anmutig leicht, fast schwerelos, dann wieder kraftvoll und mit Entschiedenheit in die Saiten, als duldete sie keinen Widerspruch.

Peter Burke hob sein Glas und versuchte sich einen Weg zu den Musikern zu bahnen, um ihnen näher zu sein. Die Band, die sich an diesem Abend im einzigen Pub auf Inis Meáin zur Feier des keltischen Samhain zusammengefunden hatte, bestand aus exzellenten Musikern, fünf Männern und drei Frauen, doch die Fiedlerin war eindeutig ihre Königin. Die rothaarige zarte Frau schien wie in Trance zu spielen. Sie war es, die das höllische Tempo des Jigs vorgab. Ihr linker Fuß schlug unter der Bank mit der Ferse fest auf den Boden, der Oberkörper wippte leicht mit dem Rhythmus. Sie wiegte sich nicht, wie es die meisten Fiedler machen. Sie wippte wie ein unruhiges Tier.

Peter nahm einen Schluck Bier und beobachtete sie. An wen erinnerte sie ihn?

Schließlich setzten alle Musiker zu einem rasenden Finale an. Der Bodhran-Spieler warf den hölzernen Handknochen in die Luft, um ihn dann über seine Trommel wirbeln zu lassen, als würde er es mit sämtlichen Geistern, die in dieser Nacht auf den Aran-Inseln umherstrichen, aufnehmen wollen und mit ihnen um die Wette hetzen.

»Wunderbare Stimmung mal wieder – mein Gott, was für ein Trubel!« Pattie Burke war mit einem Glas Wein in der Hand neben ihren Sohn getreten und nahm einen Schluck davon, während sie über den Rand hinweg die anderen Gäste musterte. »Die Kostüme auf Meáin sind immer die besten«, fuhr sie fort. »Hier sind die Leute tatsächlich noch komplett vermummt, so wie es sein soll, damit man nicht erkannt wird. – Nicht wie auf Inis Mór.«

Das Letzte hatte sie eine Spur verächtlich gesagt. Dass die Bewohner von Inis Meáin mit der benachbarten größten und bekanntesten der drei Aran-Inseln in einer Art Konkurrenz standen, war nicht zu überhören, obwohl Pattie das niemals zugegeben hätte.

Peter grinste und zeigte mit der freien Hand auf eine kleine Gruppe Vermummter, die in einer Ecke des Pubs saßen. Alle vier hatten sich braune Papiertüten über die Köpfe gestülpt, aus denen nur Löcher für Augen, Mund und Nase geschnitten waren. Die Körper steckten in blauen Müllsäcken, an die sie selbst gemachte bunte Strohblumen geheftet hatten.

»Auf Inis Mór denken sie, wenn sie sich ein Halloween-Hütchen aufsetzen, reicht das schon. Schämen sollten die sich! Wir sind in ganz Irland die Einzigen, die die wahre Tradition, wie man Samhain begeht, hochhalten.« Pattie nippte wieder an ihrem Glas und verschluckte sich fast dabei. Die attraktive Endfünfzigerin mit dem dunklen Zwanzigerjahre-Bob und der silbernen Strähne darin war vor über zehn Jahren aus der Grafschaft Mayo auf die mittlere der drei Arans gezogen und hatte hier im alten Schulhaus ein exklusives Bed and Breakfast eröffnet. Dass sie ganz nebenbei noch ein ebenfalls exklusives Online-Wettbüro für die kleine Gälisch sprechende Welt betrieb, hatte ihr Sohn erst vor Kurzem herausgefunden. Obwohl er ein erfahrener Privatdetektiv war, der sich auf Wirtschaftsfälle spezialisiert hatte, konnte Pattie das Wettbüro jahrelang vor ihm verheimlichen. Peter lebte im nahen Galway am Ende der großen Bucht, in der diese bizarren Inseln lagen.

Die Musik hielt mitten in ihrem Höhepunkt an und war urplötzlich zu Ende. Alle klatschten begeistert. Einige johlten und stießen hohe, spitze Töne aus. Dann drängten sich die Gäste vor der kleinen Theke. Die Leute an der Bar kamen mit den Bestellungen kaum nach. Die Fiedlerin mit dem strengen Haarknoten hatte sich kurz halb stehend umgesehen, als suchte sie in der Masse der Besucher jemanden. Dann hatte sie sich aber wieder an einen Tisch gesetzt und sich der Flötenspielerin neben ihr zugewandt.

»Die spielt ja unglaublich!« In Peters Stimme schwang Bewunderung mit. Seine Mutter nickte zustimmend. »Das ist Tessa Keane. Eine unserer besten Musikerinnen hier im Westen. Komisch, dass du sie noch nie gehört hast.« Pattie ließ ihren Blick nun wieder durch den Schankraum des kleinen Pubs schweifen.

»Suchst du jemanden, Mum?«

Pattie hob kurz die Schultern. »Eigentlich war ich mit Michael auf ein Schwätzchen und ein Glas verabredet …« Sie griff sich gedankenverloren an die schmale Kette aus schwarzem Jet, die sie um den Hals trug.

»Einer von deinen Bed-and-Breakfast-Gästen?«

Pattie schüttelte den Kopf. »Nein, Michael Lynch ist ein alter Bekannter aus Delphi. Er wollte dieses Jahr unbedingt zu Samhain rüberkommen. Ich glaube, er hat eine Ferienwohnung von den Walshs angemietet. Weil ich schon belegt war, als er vor ein paar Tagen anrief.« Sie zögerte und korrigierte sich dann. »Nein, das stimmt nicht ganz. Ich rede mir das mal wieder schön. Ich war zwar ausgebucht, aber er hatte das Cottage schon vorher gemietet. Das fand ich ein bisschen schade, aber, mein Gott, so gut kennen wir uns auch wieder nicht.«

Etwas in ihrer Stimme kam ihm merkwürdig vor. Peter hatte sich nun ganz zu seiner Mutter umgedreht. »Du hast ihn nie erwähnt. Woher kennst du ihn?«

Pattie lächelte. »Er ist Farmer, wie ich schon sagte, aus dem Delphital. Etwa in meinem Alter. Ein angenehmer Mann, wie ich finde. Und wenn ich Farmer sage, dann meine ich das. Er hängt an seinem Land. Ein Mayo-Mann. Mit viel Herz, Seele und Verstand. Und mit Visionen. Deshalb hat er auch eine Menge Geld. Er besitzt Land, viel Land, weißt du?«

Peter nahm ihr das leere Glas ab und sah sie prüfend an. War dieser Michael etwa einer der zahlreichen namenlosen Liebhaber seiner Mutter, die er nicht einmal alle kennengelernt hatte? Sie war schon seit Langem Witwe und wollte ihren Junggesellinnenstatus, wie sie ihm gegenüber häufig betonte, ganz bestimmt nicht aufgeben.

»In welcher Reihenfolge?«

Einen Moment sah Pattie ihn irritiert an. »Was meinst du damit?«

»Na, was war zuerst da? Geld oder Seele? Land oder Visionen? Oder hatte er schon immer Verstand und leistete sich das große Herz nebenbei als Maskottchen?« Um seinen Mund zuckte es.

Pattie stieß ihren Sohn mit dem Ellenbogen liebevoll in die Rippen. »Ach, Peter. Du bist ungezogen.«

Da setzte die Band auf einmal wieder ein. Diesmal sang ein alter Mann mit einer knarzigen, fast krächzenden Stimme die Ballade von der Spanish Lady. Sofort verstummten die lebhaften Gespräche in dem überfüllten Pub. Alle richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Sänger, der sein Lied inbrünstig und mit halb geschlossenen Augen vortrug, das schüttere Haar so zurückgekämmt, dass die Spur der Zinken wie kleine Reifenspuren auf der Kopfhaut zu erkennen waren.

Peters Blick fiel auf einen großen, kräftigen Mann, der plötzlich schräg hinter den Musikern aufgetaucht war. Er war mittelblond und glatt rasiert. Das kantige ausgeprägte Kinn verlieh seinem Gesicht eine Entschlossenheit, die beinahe an Brutalität grenzte. Seine Augen waren hell und wach. Peter bemerkte, wie sie sich an der Fiedlerin festhakten, so lange, bis sie sich, von diesem Blick wie an unsichtbaren Fäden gezogen, umdrehte und ihn über ihr Instrument hinweg ansah.

»Whack fer the dora dora lady, whack fer the dora dora day«, sang der Alte unverdrossen und mit schnarrender Stimme.

Peter spürte, wie sich seine Mutter auf die Fußspitzen stellte und sein Ohr suchte.

»Das da drüben ist er übrigens – Michael«, flüsterte sie ihm eindringlich zu und wies mit dem Kopf in Richtung der Band.

Peter runzelte die Stirn. »Du meinst den Großen mit dem Richard-Burton-Kinn?«

Pattie nickte stumm. Doch Peter wusste bereits, dass Michael Lynch mit seinen Ländereien, dem außergewöhnlichen Verstand und seinen Visionen nicht der aktuelle Liebhaber seiner Mutter sein konnte. Ihn verband eher etwas mit der rothaarigen Fiedlerin. Das war offensichtlich.

 

Eine Viertelstunde später bahnte sich die Gruppe mit den blauen Müllbeutelkleidern einen Weg zur Tür, um den übervollen Pub zu verlassen. Tessa Keane und ihre Band bekamen an der Bar gerade frische Getränke serviert. Sie stießen ausgelassen an. Trotzdem schien die Fiedlerin abgelenkt und unruhig zu sein. Peter beobachtete sie immer wieder. Michael Lynch hatte sich ihr in einer Musikpause kurz genähert und ein paar Worte mit ihr zu wechseln versucht. Aber alle in diesem Raum schienen zu schreien, lauthals zu lachen oder sich überschwänglich zuzuprosten. An ein normales Gespräch war bei diesem Lärm nicht zu denken.

Ein dreiköpfiges Monster – drei Männer, die zusammen in einem riesigen Sack steckten – wankte auf Peter und Pattie zu.

»Der ganz normale Wahnsinn«, nuschelte einer der Köpfe freundlich in ihre Richtung.

Peter grinste und nickte, während sich der zweite Monsterkopf zu Pattie hinunterbeugte und ihren Kopf tätschelte. Standen die etwa auf Stelzen, überlegte Peter, oder warum waren die gut dreißig Zentimeter größer als alle anderen?

»Die Müllsäcke inspizieren gerade deine bescheidene Hütte, Süße. Ich weiß, von den Inselleuten klaut niemand was, aber wir sind nicht ganz unter uns. Sind ’ne Menge Besucher von außerhalb heute Nacht hier. Also, sieh dich vor! Nur als kleiner Tipp.« Damit schwankte das dreiköpfige Monster leicht unkoordiniert zur Theke weiter.

Pattie nickte Peter kurz zu. »Da könnte was dran sein. Ich geh besser wieder nach Hause.«

Resolut bahnte sie sich einen Weg zur nahen Tür und Peter folgte ihr.

Vor dem Pub ging es weder leiser noch geordneter zu. Um die groben Holztische mit den festgenagelten Bänken und den schiefen Sonnenschirmen...