Küstenstrich - Kriminalroman

von: Benjamin Cors

dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, 2016

ISBN: 9783423429511 , 400 Seiten

Format: ePUB

Kopierschutz: DRM

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Preis: 3,99 EUR

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Küstenstrich - Kriminalroman


 

Calais, Nordfrankreich

22. September

Vor zwei Jahren

An jenem Morgen erwachte Zorah mit der Gewissheit, dass dies der schönste Tag in ihrem Leben war. Es war nicht irgendein vages Gefühl, auch nicht der verklärte Rest eines Traums, an den sie sich ohnehin nur bruchstückhaft erinnern konnte, so wie an alle anderen Träume zuvor auch.

Sie blinzelte leicht benommen, und während sich ihre Augen an das diffuse Licht des frühen Morgens gewöhnten, dachte sie darüber nach, was die Nacht ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

Nein, eine Hoffnung war es auch nicht, denn damit kannte sie sich aus. Mit Hoffnungen, die sich in Luft auflösten, in staubige, stickige Luft, die sich auf ihre Lungen setzte, wenn wieder ein Lastwagen an irgendeinem Straßengraben vorbeidonnerte, in dem sie alle gemeinsam für ein paar Stunden Schutz gefunden hatten.

Diesmal, am Ende ihrer Reise, war es etwas anderes. Es war eine echte und wahrhaftige Gewissheit, die heimlich zu ihr in den dünnen Schlafsack gekrochen war und sich neben ihr ausgestreckt hatte, sich an sie schmiegte und lächelte.

 

Es war ruhig draußen, nur der Wind ließ die Blätter der Sträucher rascheln, die ihr Zelt umschlossen. Die Sonne schien. Und obwohl Zorah in den vergangenen Monaten gelernt hatte, ihre Gefühle fest verpackt in ihrem Innern zu verstauen und nicht daran zu rühren, überkam sie etwas, das sie beinahe als Freude bezeichnet hätte.

Sie lächelte. Es war das behutsame Lächeln eines zwölfjährigen Mädchens, das mehr erlebt und gesehen hatte, als andere in einem ganzen Leben. Und das fast verlernt hatte, wie es sich anfühlte, wenn die eigenen Mundwinkel sich hoben.

»Reiß dich zusammen«, murmelte sie und zog vorsichtig den Reißverschluss ihres Schlafsacks auf. Sie hatte nicht vor, ihr Innerstes aufzuschnüren, nur weil irgendeine dahergelaufene Gewissheit sich neben sie legte und versprach, sie zu wärmen.

»Immer schaust du so traurig, Zorah«, hatte ihre Mutter sie immer wieder ermahnt während der langen Reise. »Freu dich doch, alles wird gut, bald sind wir da.«

Sie lag wenige Meter neben ihr auf dem harten Sandboden, ihr Kopf lehnte an der Schulter ihres Mannes, der selbst im Schlaf zu wachen schien über seine Familie, die er fortgeführt hatte, weit weg von den ockerfarbenen Bergen ihrer Heimat.

 

Heute war der schönste Tag in Zorahs Leben.

Wir werden sehen, dachte sie, aber sie spürte, wie ihr Herz zu hüpfen begann und ihre schweren Glieder ganz leicht wurden. Als sie leise aus ihrem Schlafsack kroch, wirbelte etwas Staub durch die wenigen Sonnenstrahlen, die durch die Löcher in der Zeltplane fielen. Etwas weiter hinten lag ihr älterer Bruder Belal, er atmete gleichmäßig, und sie hatte nicht vor, ihn aufzuwecken. Zorah streckte ihren Rücken, der eine weitere Nacht auf einem weiteren harten Boden ertragen hatte. Durch Löcher in der blauen Plane erkannte sie einzelne Sträucher, dornige Büsche, die das gesamte Lager umgaben. Außerdem einige rote und blaue Wimpel, die in den Bäumen hingen, als wollte jemand der Trostlosigkeit dieses Ortes einen freundlicheren Anstrich geben.

Das Lager war wahrlich nicht der schönste Ort für einen schönsten Tag, aber Zorah war das egal. Sie merkte, wie sich in ihrem Inneren etwas zu lösen begann, das sie fest verschnürt hatte. Verwundert hielt sie inne.

Es war tatsächlich so. Sie war glücklich.

Es würde nun bald zu Ende sein.

 

Zorah wischte sich die klamme Nacht mit einer pechschwarzen Haarsträhne aus dem Gesicht und griff in ihren fleckigen Schlafsack. Ihre Finger suchten nach etwas, betasteten vorsichtig das feuchte Innere.

»Scheiße, wo ist sie?«, fluchte sie leise und blickte hinüber zu ihren Eltern. Schließlich sprang sie auf und durchwühlte hektisch den schmierigen Stoff.

Aber da war sie ja. Alles war gut.

»Alhamdulillah

Zorah berührte behutsam die einzelnen Ecken der Postkarte, so wie sie es jeden Morgen tat. Ihre Finger wanderten langsam die brüchigen Kanten entlang, fuhren liebevoll über die mittlerweile grau gewordene Innenseite, bevor sie die Karte wendete und auf das leuchtende Bild blickte, das seit einem Jahr nicht mehr leuchtete und das doch ihr Herz schneller schlagen ließ.

Zorah lächelte erneut, jetzt ganz bewusst, und atmete tief ein. Der schönste Tag in ihrem Leben hatte einen frischen, klaren Duft, die Luft schmeckte nach Salz und nach dem Ende einer Reise. Hoch oben über ihrem Zelt hörte sie einen Vogel, es war eine Möwe, aber Zorah kannte keine Möwen. In ihren Ohren klang es wie ein Lachen und sie lachte leise mit, während sie ihre verblichene Trainingsjacke überzog und ihre zu großen Turnschuhe suchte.

Sie wäre nie auf die Idee gekommen, der Vogel könnte sie auslachen.

 

Draußen näherten sich leise Schritte und kurz darauf drang ein Flüstern zu ihr ins Zelt.

»Zorah! Bist du schon wach?«

Zorah freute sich, Nurias Stimme an diesem Morgen zu hören. Sie würden gemeinsam das Lager erkunden, so wie sie es gestern Abend bei ihrer Ankunft in der Dunkelheit verabredet hatten.

»Nuria! Warte, ich komme!«

Sorgsam faltete sie ihre Postkarte zusammen und steckte sie in ihre Tasche, nicht jedoch, ohne vorher noch einmal auf die Schrift auf den Bildern zu schauen.

Piccadilly Circus.

Die Farben der Leuchtreklamen waren die schönsten Farben, die sie je gesehen hatte.

Sie schlüpfte leise aus dem Zelt und wartete, bis sich ihre Augen an das kalte Licht gewöhnt hatten. Dann war sie endgültig bereit für diesen Tag.

 

Auch Nuria schien erst vor wenigen Minuten aufgewacht zu sein. Der Wind fuhr durch die Blätter der knorrigen Bäume, zu ihren Füßen rollten schmutzige Plastiktüten und leere Konservendosen über den sandigen Boden.

»Hast du gut geschlafen?«

»Klar«, log Zorah und blinzelte in die Sonne, die hier so viel blasser war als zu Hause in Ghasni, wo die Berge orange waren und der Himmel so blau wie die Burkas der Frauen. Nuria trug wie immer ihren zu großen gelben Pullover, sie hatte die Ärmel mehrmals umgekrempelt.

Zorah hörte im Zelt ihren Vater unruhig im Schlaf murmeln.

»Lass uns schnell gehen«, flüsterte sie, »bevor sie etwas merken.«

Nuria zog sie zwischen den dreckigen Zeltplanen und den notdürftig zusammengezimmerten Verschlägen aus Pappe und Sperrholz den kleinen Hang hinunter. Immer wieder mussten sie ihre Köpfe unter Wäscheleinen durchstecken, an denen nasse Wäsche hing, die in diesem Leben nicht mehr sauber werden würde. Vor einigen Zelten brannten Feuer, vereinzelt roch es nach Kaffee und Brot. Meistens jedoch nach Urin. Zorah hatte gehört, dass einige hundert Menschen hier hausten, auf engstem Raum, eingepfercht zwischen den Dünen und dem flachen Hinterland. Dass dieser Ort bis vor kurzem noch die Müllhalde von Calais gewesen war, wusste sie nicht.

Immer wieder liefen sie an müden und abgekämpften Gesichtern vorbei. Mütter wiegten ihre Babys, Söhne sammelten Äste und Zeitungspapier. Hier und da packten einige Lagerbewohner ihre Sachen und verabschiedeten sich.

»Die wollen bestimmt durch den Tunnel«, bemerkte Nuria, und Zorah nickte nachdenklich. Auch sie würden bald aufbrechen, vielleicht schon morgen. So hatte ihr Vater es ihr gesagt. Sie lief neben ihrer Freundin den kleinen Abhang hinunter, ihrem Ziel entgegen.

Die Dünen.

Das Meer.

Und das, was dahinter lag.

Piccadilly Circus.

 

Plötzlich blieb Nuria stehen und blickte Zorah an.

»Hörst du das auch?«

Zorah lauschte und nach einigen Sekunden hörte auch sie die Musik, die durch die klare Luft zu ihnen getragen wurde. Sie legte den Kopf zur Seite.

»Das ist schön«, flüsterte sie, und als sie kurz darauf um einige kleinere Bäume herumliefen, sahen sie, woher die Musik kam. Auf einer Lichtung, zwischen Ginsterbüschen und schwarzen Müllcontainern, stand eine kleine Hütte. Es war kaum mehr als ein Bretterverschlag, aber im Gegensatz zu den anderen Behausungen im Lager hatte hier jemand aufgeräumt. Hier lagen keine zerfetzten Pappkartons oder Mülltüten, aus denen vergammelte Essensreste quollen. Blaue und rote Fahnen wehten auf dem Dach, weitere lagen in einer Kiste neben der Hütte.

Zorah machte Nuria ein Zeichen.

»Komm!«

Die Musik war jetzt deutlicher zu hören, sie klang in Zorahs Ohren fremd und auf eine seltsam angenehme Art traurig. Sie verstand die Sprache nicht, und doch mochte sie den Klang der Melodie. Durch ein offenes Fenster sahen sie einen jungen Mann, der an einer Kaffeemaschine hantierte und leise mitsummte. Er war offensichtlich ebenfalls gerade erst aufgestanden, er stand barfuß in der Hütte und seine Haare waren noch zerzaust. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes lagen Papiere und Fotos. Der Mann war gutaussehend, etwas, für das sich Zorah erst seit kurzem interessierte.

Neben ihr kicherte Nuria aufgeregt und steckte sie damit an, so dass die beiden Mädchen sich den Mund zuhalten mussten, um nicht loszuprusten.

Genauso sollte ein schönster Tag sein, dachte Zorah. Sie hatte ihre Freundin auf der Reise kennengelernt, gleich am Anfang. Nuria war genauso alt wie sie, gerade ein Teenager und ihre Eltern hatten dasselbe Ziel. Ganze Wochen hatten sie gemeinsam auf Lastwagen verbracht, auf Pritschenwagen und Eisenbahnwaggons, hatten endlose Tage und Nächte kommen und gehen sehen. Die Landschaften hatten sich verändert und auch die Menschen um sie herum. Zorah hatte irgendwann aufgehört, ihre Eltern zu fragen, wie lange die Reise dauern würde. Sie hatte bemerkt, dass ihr Vater ruhiger...