Blutspecht - Oskar Lindts neunter Fall

von: Bernd Leix

Gmeiner-Verlag, 2014

ISBN: 9783839244968 , 245 Seiten

Format: PDF, ePUB, OL

Kopierschutz: DRM

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Preis: 9,99 EUR

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Blutspecht - Oskar Lindts neunter Fall


 

Kapitel 3


Oskar Lindt, der noch voll unter dem Eindruck der schockierenden Ereignisse des Tages stand, konnte in seiner Baiersbronner Pension keinen Schlaf finden. Nach mehreren Stunden des Wachliegens war er deshalb kurz entschlossen in den dunkelroten Citroën XM gestiegen und zur großen Garage gefahren, in der das Autowrack untersucht wurde.

Die Kriminaltechnik arbeitete die ganze Nacht hindurch. Fieberhaft und fast ohne Pause zerlegten die Spezialisten die Reste des ehemals gut gepflegten fast 20 Jahre alten Jeep Grand Cherokee. Jetzt nur noch ein verkohlter Blechhaufen war der mit einem Achtzylindermotor versehene amerikanische Geländewagen noch am Vortag der ganze Stolz des NAZ-Mitarbeiters gewesen. Der Allradantrieb für schneereiche Winter oder holprige Waldwege und die Gasanlage für Treibstoffkosten in erträglichen Dimensionen.

»Einen Aufprall wie bei einem Verkehrsunfall hätte der Gastank bestimmt unbeschadet überstanden«, stellte der Leiter der Kriminaltechnik fest. »Für eine solche Belastung ist er konstruiert und geprüft. Feuer müsste er eigentlich auch aushalten. Dafür gibt es ein Sicherheitsventil, worüber das Gas kontrolliert abgebrannt wird.«

»Wenn aber direkt daneben eine Sprengladung den Benzintank zerreißt und ein ganz gewaltiges Feuer entsteht, fliegt anscheinend auch so ein Behälter in die Luft«, spann Lindt den Gedanken weiter.

»Oder das Ventil war defekt. Wir werden es prüfen.«

»An einem kohlschwarz verschmorten Ventil wollt ihr rausfinden, ob es vorher funktionsfähig war? Na dann viel Erfolg!«

»Gelegentlich sind schon Gasautos deswegen in die Luft geflogen«, meinte der Techniker. »Drum merke: Es gibt nichts, was es nicht gibt.«

»Unsere beiden Kollegen hatten damit natürlich nicht gerechnet.« Er holte tief Luft: »Und jetzt kämpfen sie ums Überleben.«

Der Techniker wischte sich mit dem Ärmel seines grauen Kittels kurz über die Augen: »Der Kurt hat noch zwei Jahre. Mann, so kurz vor dem Ruhestand und dann das.«

»Und der jüngere Kollege«, sagte Lindt. »Kleine Kinder, hab ich gehört.«

»Ja, der Jürgen. Schon lange hier im Streifendienst. Auch den kenn’ ich gut. Hoffentlich packen es die beiden.«

»Hoffentlich«, wiederholte Lindt und ging zu einem langen Metalltisch an der Wand, auf dem die verkohlten, verschmorten und skurril verformten Einzelteile des verbrannten Wagens abgelegt waren.

»Habt ihr schon ein Zwischenergebnis?«, fragte er den Leiter der Kriminaltechnik.

»Alles einsammeln und dann lange genug puzzeln«, kam als Antwort. Er hob einen handtellergroßen undefinierbaren Fetzen hoch. »Ein Stück vom Tank, eigentlich nichts Besonderes. Aber das da«, er tippte mit seinem Kugelschreiber auf eine raue, unebene Stelle, »ist wahrscheinlich ein Rest von Klebstoff. Dabei bin ich mir schon ziemlich sicher. Eine bessere Probe wird gerade im Labor untersucht.«

»Also war der Sprengsatz am Tank festgeklebt?«

»Sieht ganz danach aus.«

Dann nahm der Techniker eine Schale in die Hand, in der ein Häufchen von kleinen und kleinsten Teilen lag, von denen manche metallisch glänzten.

»Das ist alles, was wir vom Zünder gefunden haben. Basiert auf Mobilfunktechnik.«

»Bei Anruf Knall?«

»Meistens eine SMS. Für einen geschickten Bastler heutzutage kein Problem mehr. Wer mit einem Lötkolben umgehen kann und ein klein wenig Ahnung hat, der kriegt das hin. Anleitung im Internet, Nachbauen erwünscht!«

»Der Sprengstoff selbst?«

»Das Labor analysiert noch. Eine ordentliche Menge, nicht nur der Inhalt von ein paar ausgekratzten Sylvesterraketen, so wie bei der Briefbombe. Auf jeden Fall hat es gereicht, um den Tank zu knacken.«

»Wenn es Profimaterial ist, lasse ich mal rumhören, wer so ein Zeug in der letzten Zeit verhökert hat«, überlegte Lindt. »Ich hab da einen an der Hand, der mir noch einen Gefallen schuldet.«

»Aus der Szene?«

Der Kommissar nickte: »Sechs Mal war er schon im Bau. Summe 17 Jahre. Dem reicht’s so langsam. Ich hab ihn umgedreht … sozusagen. Jetzt gibt er mir ab und zu einen Tipp.«

»Oha«, staunte der Techniker. »Legal – illegal – ganz egal?«

Lindt schmunzelte: »Eher Grauzone. Mit 40 Dienstjahren weißt du schon, wie weit du gehen kannst, ohne deine Pension zu riskieren.« Dann verabschiedete er sich und ließ sich in die weichen Polster seines französischen Dienstwagens fallen.

Müde?, überlegte er. Nein, keine Spur. Oskar Lindt fühlte sich hellwach. Nachts um halb drei mitten im dunklen Schwarzwald.

Wohin?

Kneipe?

Fehlanzeige – garantiert hatte nichts mehr geöffnet. Höchstens eine Disco, aber der Lärm da drin hatte ihm noch nie gefallen. Jedes Mal, wenn er dienstlich in einem solchen Schuppen zu tun hatte, kam er halb taub wieder raus.

Also wohin dann?

Lindt fuhr einfach los. Vielleicht brannte ja irgendwo noch Licht. Die Straßenlampen waren jedenfalls schon seit Stunden abgeschaltet. Nix Großstadt, Schwarzwald halt.

Zum Glück war wenigstens das Nachtprogramm im Radio ganz nach seinem Geschmack. Auf der Frequenz von SWR4 sendete Saarlandwelle 3 für die gesamte ARD. Die angenehme Stimme des Moderators drang an sein Ohr. »Die Nacht ist mein Freund.« Noch einer, der nicht schlief.

Lindt fuhr zurück nach Baiersbronn, überlegte, von wo aus er am meisten sehen könnte, und folgte instinktiv einer schmalen Straße bergauf bis zum Waldrand.

Dort stellte er den Motor ab, öffnete die Scheiben, zündete eine Pfeife an und kramte sein großes starkes Fernglas hervor.

Ob die BLUTSPECHT–Kerle jetzt schliefen?

Hier in Baiersbronn?

Irgendwo da unten im Dunkeln?

Zufrieden mit ihrem zweiten Anschlag?

Zufrieden mit zwei halbtoten Polizisten?

Vielleicht brachte aber auch gerade einer das Bekennerschreiben zum Briefkasten?

Beim ersten Mal war es eine ganz normale Postsendung gewesen.

Äußerlich unauffällig, Aufmachung wie Geschäftspost, Profiarbeit ohne jegliche Spuren.

Lindt überlegte: Hätte man den Inhalt aller Briefkästen abfangen und vorab sichten sollen? Neutrale Couverts herausziehen? Solche, die an Zeitungen oder Radiosender adressiert waren?

Doch was hätte eine derartige Aktion gebracht?

Nur das Wissen, in welchen Postkasten die Sendung eingeworfen worden war. Der Kommissar schüttelte den Kopf: In Baiersbronn gab es so viele Möglichkeiten, Briefe einzuwerfen. Irgendwo in der weitläufigen Gemeinde zwischen Friedrichstal und Hinterlangenbach, zwischen Buhlbach und Schwarzenberg.

Eine Mega-Aktion mit zweifelhafter Aussicht auf Erfolg.

Und was, wenn die BLUTSPECHT-Aktivisten gar nicht hier wohnten, sondern vielleicht in Forbach, Besenfeld oder Freudenstadt?

Nein, es musste einen anderen Weg geben, um denen auf die Spur zu kommen.

Vielleicht brachten die Laborergebnisse einen Fortschritt. Hoffentlich, denn sonst hatte Oskar Lindt im Moment überhaupt keine Idee.

Er nahm sein Fernglas wieder hoch und begann, die wenigen Lichtpunkte im Tal zu betrachten. Sowohl Baiersbronn selbst, das zu seinen Füßen lag, als auch Mitteltal und Tonbach in einiger Entfernung hatte er im Blick.

Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an die Lichtverhältnisse, und dort, wo das schwache Mondlicht hinfiel, konnte er auch einzelne Gebäude erkennen, obwohl die Straßenbeleuchtung immer noch ausgeschaltet war.

Gegenüber am Waldrand ein erleuchtetes Fenster – des Kommissars Blick saugte sich daran fest. Sein Puls wurde schneller.

Lindt war jetzt ganz Jäger. Fühlte sich auf dem hochgelegenen Beobachtungsposten wie auf einer Jagdkanzel. Er lag auf der Lauer. Wollte das gefiederte blutrote Wild zur Strecke bringen.

Ein Schauer durchfuhr ihn. Die Hände zitterten. Jagdfieber! Eindeutig.

Was, wenn genau dort drüben die BLUTSPECHT-Zentrale zu finden wäre?

Wenn eben hinter jenen Scheiben genau in diesem Moment ein paar finstere Gestalten zusammenhockten und den nächsten Coup ausbrüteten?

Hinfahren und festnehmen – leider nur ein Wunschgedanke – so einfach würde es sicherlich nicht werden.

Doch welche Menschen würde man dort antreffen?

Nur Männer? Oder auch Frauen?

Grobschlächtige Radikale oder feinfühlige Intelligente?

Verbohrte Nationalparkgegner oder Kriminelle mit ganz eigenen Interessen?

Und was planten sie als Nächstes?

Wieder ein Feuerwerk oder eine andere Art von Anschlag?

Wen würden sie ins Fadenkreuz nehmen?

Die Mitarbeiter des Naturschutzzentrums waren jetzt gewarnt und verhielten sich bestimmt besonders vorsichtig, doch welche Zielgruppe käme sonst noch infrage?

Lindt erinnerte sich an die Informationen, die Franz-Otto Kühn gegeben hatte: Auch aus den Forstverwaltungen sollte Personal zum Nationalpark übergehen. Waldarbeiter, Verwaltungsmitarbeiter und Förster. Solche, die in ihrer jetzigen Arbeit bereits irgendwie mit den Wäldern, aus denen der Park entstehen sollte, zu tun hatten. Um die 30 Personen aus den drei Landkreisen Freudenstadt, Ortenau und Rastatt.

Namen standen allerdings noch nicht fest.

Ob als Nächstes einer von denen daran glauben musste?

Lindt nahm sich vor, diesen Gedanken am kommenden Vormittag bei der...